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Neue Fundmünze aus dem Beginenhaus belegt den frühneuzeitlichen Fernhandel in Kempten

Beschreibung und Einordnung von Dr. Harald Derschka:

Venedig, Republik, Doge Alvise I. Mocenigo. 40 Soldi (= 2 Lire), Venedig 1571–1577.

zum Vergrößern bitte anklickenVs.: ·S·M·VENETVS–ALOY MOCE ; der Heilige Markus übergibt dem knienden Dogen rechts eine Fahne mit Markuslöwen und einem Kreuz als Spitze; im unteren Abschnitt Münzmeisterzeichen M C (für Marco Corner) zwischen drei sechsblättrigen Rosetten.

Rs.: MEMOR ERO TVI , fünfblättrige Rosette, IVSTINA VIRGO ; stehende Heilige Justina mit Palmzweig und Schwert im Perlkreis, im unteren Abschnitt Wertangabe 40 zwischen fünfblättrigen Rosetten.

Die Vorderseite zeigt ein übliches Motiv der venezianischen Münzen, nämlich die Belehnung des Dogen von Venedig durch den Heiligen Evangelisten Markus – dessen Gebeine u. a. im Markusdom in Venedig liegen –, indem er dem Dogen (hier: Alvise I. Mocenigo, 1570–1577) die venezianische Fahne mit dem Markuslöwen (sog. Gonfalone) als Symbol für die Herrschaft über Venedig reicht. Die Umschrift steht für: S(anctus) M(arcus) Venetus (Heiliger Markus von Venedig) und Aloy(sius) Moce(nigo).

zum Vergrößern bitte anklickenDie Rückseite zeigt die Heilige Justina von Padua, die am 7. Oktober 304 unter Kaiser Diokletian den Märtyrertod fand. Justina wurde in Venedig bereits seit dem frühen Mittelalter, ganz besonders jedoch seit der Seeschlacht von Lepanto verehrt:

Im August 1571 hatten türkische Truppen die venezianische Insel Zypern besetzt. Darauf fanden sich die christlichen Seemächte des Mittelmeeres – Spanien, Venedig, Savoyen, Malta, Toskana, Genua und der Papst – zu einer „Heiligen Liga“ zusammen. Die Flotte der Heiligen Liga unter dem spanischen Generalkapitän der Meere Johann von Österreich besiegte die türkische Flotte unter Ali Pascha am 7. Oktober 1571 (also am Tag der Heiligen Justina) in der Seeschlacht von Lepanto, der größten Seeschlacht des 16. Jahrhunderts. Auf 260 türkischen und 211 christlichen Schiffen kämpften insgesamt 200000 Mann, von denen 30000 umkamen. Das war der erste große Sieg des Abendlandes über die bis dahin erfolgreiche türkische Aggression; zum Dank feierte Venedig die Tagesheilige durch das Münzbild. – Allerdings musste Venedig im 1573 geschlossenen Separatfrieden mit der Türkei doch auf Zypern verzichten.

Die Umschrift heißt: Jungfrau Justina, Deiner werde ich gedenken.

Die 40-Soldi-Münze entsprach mit ihren rund 9 g Silber damals der Wertebene, die wir heute mit großen Scheinen bedienen: es ist wertvolles Geld für größere Transaktionen, nicht für den alltäglichen Kleinverkehr auf dem Markt und im Wirtshaus. In dieser Funktion als Handelsgeld gelangte die Münze nach Kempten; denn Venedig war einer der wichtigsten Handelsstandorte des Mittelmeerraumes; Italien war ein wichtiges Zielgebiet des frühneuzeitlichen Kemptener Fernhandels.

Für unsere Kenntnis der Kemptener Handelsbeziehungen ist dieser Münzfund ein großer Gewinn: Bei Ausgrabungen und Gebäudeuntersuchungen kommt vorwiegend das Kleingeld der Vergangenheit zutage; als einzige italienische Münze des 16. Jahrhunderts liegt bislang eine Mailänder Trillina (entsprechend drei Pfennig) aus der Kronenstraße 35 vor.

Allerdings überliefert der 1892 gehobene Goldfund aus der Fischersteige 9 u. a. einen venezianischen Dukaten von 1618–1623, der noch deutlich wertvoller als diese 40 Soldi ist.

13. Juni 2008
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