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Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernBaugeschichte, Baugestalt und Ausstattung

Das Beginenhausensemble in Kempten spiegelt in seiner Gestalt und seiner vielfältigen Ausstattung die Bauphasen seiner mehr als 650-jährigen Geschichte wider. Die Häusergruppe besteht aus dem sogenannten Beginenhaus in der Burgstraße und dem sogenannten Nonnenturm in der Burghaldegasse. Verbunden sind beide durch einen größtenteils modernen Zwischenbau. Die Gebäude umschließen damit an drei Seiten einen kleinen Innenhof. 

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Das Beginenhaus

Das dreigeschossige Beginenhaus ist vornehmlich aus Stein gemauert, nur die Südwand mit den Balkonen besteht im zweiten Obergeschoss aus Fachwerk. Die Nordfassade trägt unter dem modernen Putz Reste einer historischen Bemalung.

Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernErdgeschoss und erstes Obergeschoss sind zu Beginn der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden (dendrochronologisch datiert auf 1357). Die westliche Haushälfte hat im Erdgeschoss einen großen, hohen Raum, der im Mittelalter als überdachte Einfahrt und Lager diente. Nur die östliche Haushälfte weist unter dem dortigen Hochparterre einen tonnengewölbten Keller auf, der bereits im 13. Jahrhundert entstand.

Im ersten Stock fällt zunächst die großzügige Diele mit gotischer Riemendecke auf. An den Wänden finden sich, größtenteils verborgen unter dem modernen Putz, Rankenmalereien aus der Renaissance. Daneben heben sich vor allem zwei der anderen Räume dieses Geschosses durch ihre besondere Ausstattung hervor: Der nordwestliche Saal weist an zwei Wänden eine hölzerne Vertäfelung mit Resten einer floralen Malerei auf. An der Ostwand dieses Raums findet sich eine große Wandnische aus der Renaissance, die wahrscheinlich einen Schrankeinbau besaß. Zu diesem Raum gehört ein ehemaliger Alkoven, an dessen freigelegten Deckenbrettern die farbige Rankenmalerei und das Gesicht einer andächtigen Frau mit grauem Schleier noch exzellent erhalten ist.

Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernIm nordöstlichen Saal fällt sofort das großzügige dreiteilige Fensterband mit zwei individuell ausgeformten Sandsteinsäulen auf. Über der modernen abgehängten Decke findet sich in diesem Raum eine sogenannte „Lindauer Decke“ aus beschnitzten, ehemals farbig bemalten Balken. Die Schnitzereien zeigen Lindenblätter.

Im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts (dendrochronologisch datiert auf 1584/86) wurde das Haus um das zweite Obergeschoss aufgestockt. Die westliche Hälfte wurde zu dieser Zeit komplett mit einer aufwändig gearbeiteten Kassettendecke ausgestaltet, die heute noch größtenteils erhalten ist. Für den nordöstlichen Saal haben die Untersuchungen an den Wänden eine Holzvertäfelung bis in eine Höhe von etwa 180 cm, sowie eine feine Rankenmalerei darüber nachgewiesen. Außerdem wurden in diesem Raum Reste eines grün glasierten, rautenförmigen Fliesenbodens entdeckt.Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößern

Das gewaltige Dachgeschoss (dendrochronologisch datiert auf 1584/86) besitzt neben der Hauptebene zwei weitere Spitzböden. Bei der Dachkonstruktion handelt es sich um ein Kehlbalkendach mit zwei übereinander liegenden Stühlen und einem aufgehängten Mittellängsverband.

 

Der Nonnenturm

Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernDer ebenfalls dreigeschossige, aber insgesamt kleinere Nonnenturm ist bis auf eine Flickstelle aus Fachwerk an der Nordostecke (Ende 19. Jahrhundert) ganz aus Stein gebaut.

Der charakteristische Sandsteintorbogen in der Südfassade, der heute als Haupteingang dient, befand sich ursprünglich auf der Nordseite des Beginenhauses als Einfahrtstor in den erwähnten befahrbaren Lagerraum. Das Tor wurde dort 1936 ausgebaut und 1943 an der heutigen Stelle wieder eingebaut. Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernDie Steinmetzarbeiten im Gewände des Bogens zeigen im Westen die segnende Hand Christi und über dem Scheitel das Agnus Dei (Lamm Gottes). Sie sind die einzigen in Kempten erhaltenen mittelalterlichen Bauplastiken aus Stein. Die Inschrift besagt: „Das ist das lamgotz ain biu haltter der cristenheit“ [„Das ist das Lamm Gottes, ein Bewahrer der Christenheit“]. Im Scheitel findet sich außerdem die Jahreszahl „1502“. Aus stilistischen Gründen ist davon auszugehen, dass das Tor und die Bauplastik jedoch älter sind, als die erst später eingefügte Jahreszahl vermuten lässt und schon aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert stammen.

Das Erdgeschoss des Nonnenturms, das bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gebaut wurde, wird durch zwei tonnengewölbte Räume dominiert. In einem kleinen, sich nordöstlich anschließenden Raum findet sich eine Kemptener Eigenheit, die hier für das ganze 16. Jahrhundert und im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts belegt ist: Um die hölzerne Decke – vornehmlich aus Brandschutzgründen – verputzen zu können, wurden Ziegelplatten mit eisernen Nägeln an der Decke befestigt.

Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernEine weitere Besonderheit dieses Hauses ist die Südwand, die gleichzeitig die mittelalterliche Kemptener Stadtmauer darstellt. Diese Stadtbefestigung wurde etwa 1310 in diesem Bereich fertig gestellt. Im ersten Geschoss zeugen noch der einzige innerhalb eines Gebäudes in Kempten erhaltene Wehrgang sowie Schießscharten von dieser Funktion.

Erstes und zweites Geschoss sowie der Dachstuhl des Nonnenturms wurden gegen Ende des 14. Jahrhunderts gebaut (dendrochronologisch datiert auf 1392/95). Im ersten Stockwerk finden sich außerdem Reste einer spätmittelalterlichen Bohlenstube, also eines holzverkleideten Wohnraums.

Im zweiten Obergeschoss finden sich drei solcher ehemaligen Bohlenstuben in unterschiedlichem Erhaltungszustand aus der Zeit um 1585. Der nordöstliche Raum ist am besten erhalten und zeigt auf den Holzvertäfelungen mehrfarbige Fassungen an Wänden und Decke. Dargestellt sind verschiedene Rosetten, Rauten sowie Maserungen, die Holz und Fellbesatz imitieren.

Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößernDie südwestliche Bohlenstube weist an den beiden großzügigen Fenstern im Süden Sitznischen auf. In diesem Raum stand bis in die 1990er Jahre ein grün glasierter Kachelofen vermutlich aus dem Frühbarock. Leider sind von diesem nur noch wenige Fragmente erhalten geblieben (ob er mutwillig zerstört wurde oder aus dem leer stehenden Gebäude „gerettet“ werden sollte, ist bislang ungeklärt). In diesem Geschoss findet sich außerdem eine stattliche Kochstelle mit begehbarem Kaminabzug, was auf eine frühere Funktion als Großküche hinweist.

Das original erhaltene Dachgeschoss ist als Kehlbalkendach mit dreifach stehendem Stuhl ausgebildet.

Der Zwischenbau und der Innenhof

Bis auf die westliche Außenwand aus dem Mittelalter besteht der Zwischenbau heute aus modernen Zutaten des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts. Außentüren im ersten und zweiten Geschoss weisen sowohl am Beginenhaus als auch am Nonnenturm darauf hin, dass es seit dem Mittelalter eine Verbindung zwischen den beiden Gebäuden gegeben haben muss. Wie diese aussah, ist nicht genau bekannt. Anzunehmen sind hölzerne Laubengänge oder eine Fachwerkkonstruktion.

So waren auch die einzelnen Geschosse des Beginenhauses bis ins 19. Jahrhundert vornehmlich von außen an der Südwand zugänglich. Die erhaltenen hölzernen Balkone und Malereireste an der Südfassade, die den einstigen Treppenverläufen folgen, zeugen noch heute davon. Die Treppen, die sich gegenwärtig im Beginenhaus befinden, sind erst in moderner Zeit eingebaut worden.

Der angebaute Aborterker an der Südostecke des Beginenhauses stammt aus dem 19. Jahrhundert.

August 2013
Copyright Förderverein Beginenhaus Kempten e.V.