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Relikte aus vielen Jahrhunderten

Gutachten am Beginenhaus bald abgeschlossen / Leben soll wieder einkehren
von Marlen Mösle
[Kreisbote, 6. September 2006, S. 2]

Kempten - Hinter unscheinbarer, brauner Fassade versteckt sich in der Burgstraße nahe der Illerbrücke ein wahres Kleinod an Stadtgeschichte. Das Häuserensemble Beginenhaus und Nonnenturm gehört zu den ältesten noch erhaltenen Gebäuden der Stadt. In dem seit 20 Jahren leer stehenden Anwesen wird gerade eifrig gefegt und geputzt. Denn der Förderverein Beginenhaus, der sich für die Erhaltung und Sanierung der alten Gemäuer einsetzt, möchte es zum „Tag des offenen Denkmals“ am 9. und 10. September der Öffentlichkeit zeigen. Die staubigen Spuren des Gutachtens, das derzeit erstellt wird, sollen möglichst beseitigt werden.

„Es soll wieder Leben in dieses Haus kommen“, formuliert Birgit Kata, Historikerin beim Stadtarchiv Kempten und erste Vorsitzende des Fördervereins, ihr Anliegen. „Unser großer Traum ist es darüber hinaus einen Raum für die Dokumentation und Ausstellung der Geschichte des Ensembles einzurichten.“ Um mehr über die Häuser, nötige Sanierungsmaßnahmen und mögliche Nutzung zu erfahren, wird seit dem Frühjahr ein umfangreiches Gutachten erstellt. Mit dem abschließenden Befund rechnet Kata im November. Vorläufig kann sie jedoch schon urteilen: „Insgesamt ist die Bausubstanz sehr gut erhalten.“ Den finanziellen Aufwand zur Sanierung schätzt sie auf zwei bis drei Millionen Euro.

Mit der Sanierung wird ein Gebäude wieder nutzbar gemacht, das „möglicherweise älter als die Stadtmauer ist“, vermutet Kata. Eine steinerne Seitenwand des Beginenhauses, schätzt die Historikerin, stamme von etwa 1280. Die Stadtmauer ist auf etwa 1300 datiert. Steinerne Gebäude aus dieser Zeit seien sehr selten. Diese Bauweise benötigte im Mittelalter wesentlich mehr Zeit und war teurer als der verbreitete Fachwerkbau. „Sonst sind es meist nur Kirchen und Ähnliches, die aus Stein erbaut wurden“, so Kata. Ein Zeichen dafür, dass in das Ensemble einst viel Geld investiert wurde.

 

Zwischen Armut und Reichtum

Birgit Kata vermutet, dass die Häuser vom Fürstabt finanziert worden sein müssen. Sie befanden sich damals in exponierter Lage direkt an der Hauptstraße durch Kempten, welche sich von der Iller über die Bäckerstraße, Sankt Mang Platz und Rathausplatz bis durch die Klostersteige zog. Bekannt war das Haus unter dem Namen „ze der steyg“ (zu der Stiege), da es an der Treppe zur Stadtmauer lag, und wurde von Beginen, einer religiösen Schwesternschaft, bewohnt. „Wegen der vielen Räume in den Gebäuden und der Lage können wir davon ausgehen, dass sie eine Art Pilgerherberge betrieben haben.“ Etwa bis Ende des 15. Jahrhunderts haben die Schwestern dort gewohnt, bis das Sankt Anna Kloster im Freudental erbaut wurde.

Danach wurden Beginenhaus und Nonnenturm das Zuhause vornehmer Kemptener Patrizierfamilien. Sie statteten den Gebäudekomplex aufwendig aus. „Bis ins 18. Jahrhundert haben hier die reichsten Bürger gewohnt“, verdeutlicht Kata. Ein erhaltener Renaissancetürbogen sowie eine sehr große Küche sind beispielsweise Indizien für den Wohlstand der Eigentümer. Nach dem Reichtum dieser Periode sah das Beginenhaus jedoch wieder arme Zeiten. Einfache Handwerker bezogen die Räume. Ein Wandel, der aus heutiger Sicht von Vorteil war, denn „Armut konserviert“, urteilt Kata aus historischer Sicht. Die Handwerker hatten einfach nicht das Geld, um große Veränderungen vorzunehmen.

 

Schätze geborgen

So hat das Gutachten über das Ensemble große Schätze offenbart. Bei Sondageöffnungen konnten beispielsweise Zimmerdecken aus verschiedenen Jahrhunderten ans Licht gebracht werden. Über verzierten mittelalterlichen Balkendecken befinden sich bemalte Decken aus der frühen Neuzeit von etwa 1580. Da sich eine weitere Decke darüber befand, sind die gemalten Muster in sehr gutem Zustand. Ebenso noch heute erhalten sind einige mittelalterliche Treppen. Holzproben wurden bereits im Zuge des Gutachtens genommen. „Im Labor können sie auf ein halbes Jahr genau datiert werden“, betont Kata. Auf die Ergebnisse ist sie sehr gespannt.

Außerdem hat das laufende Gutachten Sachfunde in den Fehlböden zu Tage befördert. Zur Isolierung wurde früher Hausmüll in die Deckenzwischenräume gesteckt. Die Funde im Beginenhaus und Nonnenturm erinnern an die „Schätze“, die im Mühlbergensemble entdeckt wurden. Im Nonnenturm konnten zum Beispiel eine Zündnadelpistole von 1845, Münzen und Keramikreste geboren werden. Die Fehlböden komplett zu öffnen, ist allerdings vom Förderverein nicht beabsichtigt. „Das Haus soll sein Geheimnis ruhig behalten dürfen“, so Kata. Um so schonend wie möglich vorzugehen beider Sanierung, müsse man seine Neugier eben zügeln.

 

Geplante Nutzung

Mit der Sanierung des Ensembles soll 2007 begonnen werden. Vor allem die Südwand am Beginenhaus ist Kata ein Dorn im Auge. Der schwere Dachstuhl, der nördlich auf einer massiven Steinwand ruht, lastet südlich nämlich auf einer weniger stabilen Fachwerkwand, die über die Jahre in Schräglage geraten ist. „Das war damals ein Fehler des Architekten“, erklärt Kata. Die Wand solle zwar erhalten bleiben wie sie ist, das Gewicht des Dachstuhls müsse jedoch mit einem Gerüst abgestützt werden. Eine Maßnahme, die nach Ansicht der Historikerin möglichst bald getroffen werden sollte. Welche weiteren Sanierungen anstehen, wird das Endergebnis des Gutachtens zeigen.

Die bisherigen Resultate geben Kata allerdings aber bereits wichtige Anhaltspunkte. „Wir sehen jetzt klarer“, urteilt sie und meint damit unter anderem die Möglichkeiten für die künftige Nutzung. Diese solle in Anlehnung an die Tradition des Hauses geschehen und Kata wünscht sich deshalb Büros für Frauen und Vereine. Darüber hinaus besteht die Absicht einen Anziehungspunkt für die Altstadt zu schaffen. „Ein Veranstaltungsraum und ein Tagescafe“ führt Kata auf. Die Nutzung der rund 850 Quadratmeter soll dabei für das Ensemble so schonend wie möglich sein. Deshalb wird auch nicht jeder Raum genutzt werden können.

Eine Stube im Nonnenturm beispielsweise, deren Südwand ein Teil der Stadtmauer ist, sei „fast unmöglich modern zu nutzen.“ Das ist bedingt durch niedrige Deckenbalken und die Stadtmauer als Außenwand, die nicht entsprechend isoliert werden kann. „Diesen Raum könnte man aber gut als Museum nutzen“, so Kata. Dabei möchte sie und der Förderverein nicht nur die mittelalterlichen Wurzeln, sondern die gesamte Geschichte des Ensembles dokumentieren. Deshalb werden beispielsweise auch Funde aus den Siebziger Jahren bewahrt.

Bis in das Ensemble wieder Leben einkehrt ist jedoch noch ein weiter Weg. Nicht zuletzt hängt das Vorankommen am nötigen Geld. Zwei Notreparaturen hat bisher der Förderverein selbst getragen, der aber auf Spenden und Sponsoren angewiesen ist. Zudem habe das Projekt Unterstützung vom Landesamt für Denkmalpflege erhalten, von der das Gutachten maßgeblich finanziert werden konnte. Für 2007 möchte Kata Städtebauförderung beantragen.

 

Am Wochenende geöffnet

Wer nun einen Blick hinter die braune Fassade des Beginenhauses werfen möchte, dem wird das am kommenden Wochenende im Rahmen des „Tages des offenen Denkmals“ gewährt. Zwar wird auch hier das Motto „Rasen, Rosen und Rabatten“ umgesetzt und sowohl der Innenhof dekoriert und gezeigt, als auch eine Quilt-Ausstellung mit entsprechenden Motiven organisiert. Darüber hinaus finden aber auch Führungen durch das Beginenhaus statt.

 

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Kreisboten.

 

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7. September 2006