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Sanierung beginnt in Kürze

Jüngste Gutachten über Beginenhaus geben Aufschluss über Alter und Zustand des Gebäudes
von Marlen Mösle [Kreisbote, 3 Januar 2007, S. 2]

Kempten - Eine künftige Nutzung des mittelalterlichen Beginenhauses und Nonnenturms an der Burgstraße nimmt immer klarere Formen an. Die jüngsten Gutachten über Proben der Bausubstanz geben einerseits genaueren Aufschluss über das Alter, andererseits über den Zustand und damit die Nutzungsmöglichkeiten des Gebäudeensembles. Bei der Sanierung, die in Kürze beginnen soll, wird vor allem darauf geachtet, dass historische Strukturen erkennbar bleiben und möglichst verwendet werden. Auch der gemeinnützige Zweck zugunsten von Frauen, den das Beginenhaus im Mittelalter hatte, soll bei der künftigen Vermietung berücksichtigt werden.

Das Gebäudeensemble Nonnenturm und Beginenhaus gehört „zu den ältesten Häusern in Kempten“, berichtet Birgit Kata, Historikerin beim Stadtarchiv und erste Vorsitzende des Fördervereins Beginenhaus. Im Mittelalter wurde es von Beginen, einer religiösen Schwesternschaft, bewohnt, die dort eine Art Pilgerherberge betrieben haben. Später wurde es zum Wohnsitz reicher Patrizierfamilien. Die jüngsten Gutachten datieren das Vorderhaus bis ins erste Obergeschoss auf 1357. Erst 1584 wurde das Haus nach oben erweitert. „Das Hinterhaus stammt komplett von 1393 aufbauend auf älteren Mauern“, so Kata. Diese stammen vermutlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Viele Details erhalten

Im Rahmen des Gutachtens hat sich gezeigt, dass im Gebäudeensemble an der Burgstraße viele historische Schätze noch erhalten sind. „Es gibt keinen Raum in den Häusern, in dem wir nicht etwas gefunden haben, das mindestens 400 Jahre alt ist“, betont Kata. Die Arbeitsgruppe sei auf „wunderbare Details“ gestoßen, so die Historikerin weiter. Der Keller ist beispielsweise eines der wenigen noch erhaltenen Bruchsteingewölbe aus dem Hochmittelalter. Außerdem kam ein grün gefliester Boden im zweiten Obergeschoss des Beginenhauses zum Vorschein. „Er wird auf 1584 datiert“, erklärt Kata.

Aus dem Mittelalter stammen auch Balkendecken, die unter bemalten Decken aus der frühen Neuzeit liegen. Dass alte Decken und Böden einfach mit neuen abgedeckt wurden, ist für Birgit Kata nicht verwunderlich. „Der Geschmack ändert sich“, erklärt sie. Zeitzeugen der reichen Patrizierfamilien, die vermutlich bis ins 18. Jahrhundert im Beginenhaus und Nonnenturm wohnten, sind unter anderem ein Renaissancetürbogen, ein großer Saal und bemalte Holzvertäfelungen von 1584.

Zu den neuesten Entdeckungen am Beginenhaus erklärt Kata: „Die Fenster waren früher viel größer als heute.“ Die historische Größe solle aber wieder hergestellt werden. Stark verändert wurde auch die Fassade des Beginenhauses. „Wir haben Malereien gefunden“, berichtet die Historikerin, die sich unter der heute braun angestrichenen Front verbergen. Über diese Malerei soll bei der Sanierung eine Schutzschicht gelegt werden und darauf eine Rekonstruktion gemalt werden. „Die alten Malereien kann man nicht offen legen“, erläutert Kata. Sie würden durch Wetter und Abgase zerstört werden.

Anspruchsvolle Sanierung

Auch die weiteren anstehenden Sanierungsarbeiten sind aufwändig. Dabei gilt es vor allem historische Strukturen wieder herauszuarbeiten. Beispielsweise sollen später eingezogene Ziegelwände durch Leichtbauwände ersetzt werden, die im oberen Bereich durchsichtig sind, damit die ursprüngliche Raumdimension erkennbar bleibt. Um die recht gut erhaltenen Gebäude Beginenhaus und Nonnenturm zu schonen, soll der Zwischentrakt, der die beiden Häuser verbindet und wenig Historisches enthält, als feuersicheres Treppenhaus mit Aufzügen und Toilettenanlagen neu gebaut werden.

Als eine „anspruchsvolle Lösung, die sich aber lohnt“ bezeichnet Birgit Kata die Rückformung der Wand zum Innenhof im Beginenhaus. Sie war schon beim Bau nicht solide genug für den schweren Dachstuhl errichtet worden und neigt sich deshalb erheblich. Bei der Sanierung sollen „im Dachstuhl eine Entlastung eingezogen und schadhafte Hölzer in der Wand ersetzt werden“, berichtet Kata weiter. So könne die alte Wand wieder aufgerichtet werden und die Last des Dachstuhls tragen.

Nutzungskonzept

Durch die jüngsten Ergebnisse des Gutachtens konnte bestätigt werden, dass das bisher geplante Nutzungskonzept umsetzbar ist. In dem Ensemble wünscht sich der Verein Büros und Gastronomie unterzubringen. Im Erdgeschoss des Beginenhauses ist ein Veranstaltungsraum geplant. In den darüber liegenden Stockwerken sollen Büros entstehen. Im Nonnenturm will der Förderverein im Erdgeschoss ein Tagescafé einrichten. Für den ersten Stock ist ein Museumsraum geplant. Der Raum ist in die Stadtmauer mit erhaltenem Wehrgang gebaut und daher schlecht zu isolieren. Außerdem ist relativ er niedrig. Aus diesen beiden Gründen ist er für eine gewerbliche Nutzung ungeeignet. Das Museum auf das zweite Obergeschoss zu erweitern sei ein Traum des Vereins, so berichtet Kata.

Bevor saniert werden kann, müssen allerdings zunächst die finanziellen Mittel beschafft werden. Die Stadt Kempten hat 20.000 Euro Notsicherung fürs kommende Jahr zugesichert. Außerdem möchte die Historikerin sich um Städtebauförderung bemühen. Vom bayrischen Entschädigungsfonds hofft sie auf Gelder, die für den Mehraufwand der Sanierung eines Denkmal geschützten Hauses entschädigen. Darüber hinaus setzt sich Kata bei verschiedenen Stiftungen für eine finanzielle Unterstützung ein.

 

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Kreisboten.

 

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5. Januar 2007