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Pressemitteilung vom 24.07.07

Das Beginenhaus in Kempten.
Ein Baudenkmal aus dem Mittelalter braucht Ihre Hilfe

Ist es Ihnen schon mal aufgefallen, wenn Sie an der Ampel vor der Kemptener Illerbrücke halten mussten? Das Haus mit der braunen Fassade und den grünen Schaufenstern in der Burgstraße? Gönnen Sie ihm das nächste Mal einen zweiten Blick, denn Sie stehen vor einem der ältesten Kemptener Häuser. Hinter seinem unscheinbaren Äußeren verbergen sich wahre Schätze aus 650 Jahren Geschichte. Unzählige Menschen haben im Laufe von sieben Jahrhunderten hier am Eingang zu Kemptens Altstadt gewohnt; jede Generation passte das Haus ihren Bedürfnissen an.

Gliederung des Häuserensembles

Eigentlich sind es sogar drei Gebäude, die im Mittelalter auf dem langgestreckten Grundstück zwischen der Burgstraße und der Stadtmauer an der Burghaldegasse errichtet wurden: Das große Vorderhaus trägt seit dem 19. Jahrhundert den Beinamen „Beginenhaus“, das Hintergebäude, das über die Stadtmauer hinausragt, die Bezeichnung „Nonnenturm“; verbunden werden die beiden Häuser durch einen Zwischentrakt und einen Innenhof.

Zukunftspläne: Der Förderverein will die wertvolle Bausubstanz denkmalgerecht sanieren und nutzen

Die historischen Hausnamen wiesen schon lange darauf hin, dass sich mit diesen Bauwerken eine besondere Geschichte verbindet; doch erst in den 1980er Jahren erkannte man, welch hochwertige Bausubstanz aus Mittelalter und Renaissance hier erhalten war. Seit dieser Zeit steht das Gebäudeensemble unter Denkmalschutz und wartet darauf, dass jemand seine Qualitäten zu schätzen weiß. Obwohl man sich seit mehr als 20 Jahren bemühte, ein Sanierungskonzept und eine geeignete Nutzung für die historischen Kostbarkeiten zu finden, zeichnet sich erst in den letzten drei Jahren eine konkrete Zukunftsperspektive für die Häuser ab: 2003 wurde der Förderverein Beginenhaus Kempten e.V. gegründet, dessen Vereinsziel es ist, diese wertvollen Baudenkmäler im Herzen von Kempten denkmalgerecht zu sanieren und für die wertvolle Bausubstanz verträglich zu nutzen. Es ist geplant, Büros und Praxisräume einzurichten und Raum für Vereine zu schaffen; darüber hinaus soll das Ensemble durch ein Tagescafé und einen großen Veranstaltungsraum zu einem lebendigen Anziehungspunkt in der Altstadt werden.

Der Förderverein Beginenhaus Kempten e.V. und seine Tätigkeit

Die Mitglieder des Vereins engagieren sich aus unterschiedlichen Beweggründen für das Beginenhaus: Während einige die wertvolle Bausubstanz mit ihren kunsthistorischen Besonderheiten schätzen, sind für andere die Erinnerungen an Menschen, Geschäfte und Lokale in diesen Häusern und ihre Bedeutung für das Leben in der Altstadt wichtig. Allen Mitgliedern gemeinsam ist, dass sie nicht länger dem Verfall dieser zentralen Gebäude untätig zusehen wollen und sich aktiv für die Sanierung einsetzen.
Seit der Gründung des Fördervereins sind viele Erfolge zu verzeichnen: So gelang es, die öffentlichen Institutionen von der Tragfähigkeit des Sanierungs- und Nutzungskonzepts zu überzeugen. Die Stadt Kempten hat das Gebäudeensemble wieder in ihren Besitz genommen und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bewies sein Vertrauen in Kompetenz und Arbeit des Vereins durch weitgehende Übernahme der Kosten für das sanierungsvorbereitende Gutachten.

Notsicherungen zum Substanzerhalt

Der Verein finanzierte mehrere wichtige Notsicherungsmaßnahmen, um weitere Beschädigungen der wertvollen historischen Bauteile zu verhindern; so wurden bereits im Herbst 2005 Sicherungsanker im Dachstuhl des Beginenhauses eingezogen, Fenster winterfest geschlossen und durch Erneuerung der Dachrinne der Wasserabfluss verbessert. Ebenfalls zur Vermeidung von Schäden durch eindringendes Regen- und Schmelzwasser wurde im Herbst 2006 der schadhafte Anbau provisorisch überdacht.

Sanierungsgutachten, Bauforschung und Dokumentation

Im gesamten Jahr 2006 stand vor allem die Erstellung des Gutachtens zur Sanierungsvorbereitung im Mittelpunkt der Vereinsaktivitäten: Sondageöffnungen in Fußböden und Decken halfen bei der Klärung von Fragen zur Statik und zum Erhaltungszustand der tragenden Balken. Restauratoren untersuchten die Farbfassungen und Malereien auf Decken und Wänden. Für den Baualtersplan wurden über 30 Proben für die Holzaltersbestimmung, die sogenannte dendrochronologische Untersuchung genommen.
Zur Erstellung des Raumbuchs, in dem der vorgefundene Zustand der Gebäude akribisch genau mit Beschreibungen, Fotos, Skizzen und Proben von Tapeten oder Bodenbelägen festgehalten wird, wurden die Räume vom Schutt und Schmutz befreit. Der Förderverein dokumentiert den Werdegang der Gebäude vom Mittelalter bis in die Gegenwart; unter anderem sammelt er historische Fotos und führt Interviews mit ehemaligen Bewohnern oder anderen Zeitzeugen, die mit den Häusern besondere Erinnerungen verbinden.

Archäologie

Ebenfalls in ehrenamtlicher Arbeit wurden die archäologischen Untersuchungen der Verfüllungen in den Zwischenböden, Wandverkleidungen und Gewölbezwickeln durchgeführt. Zahlreiche bedeutende Funde kamen bereits beim Aussieben der Verfüllungen zum Vorschein. Zwar ist das Sieben eine staubige und mühselige Arbeit, doch wird man ständig durch Entdeckungen belohnt: Ob jahrhundertealte Münzen, Keramikscherben, Geschäftsbriefe oder Mäuseskelette – es gibt viele Überraschungen dabei. Jeder Fund bekommt eine Nummer und wartet sorgfältig verpackt auf seine wissenschaftliche Auswertung. In Kempten weiß man seit der Entdeckung der europaweit bedeutenden Funde aus dem Mühlberg-Ensemble, wie anschaulich solche Alltagsgegenstände vom Leben in früheren Zeiten erzählen können.

Bauphasen seit dem Mittelalter

Jeder Raum des Beginenhauses und des Nonnenturms bietet Einmaliges; mit Hilfe der intensiven Bauforschung der letzten Jahre kamen immer mehr bemerkenswerte Details zutage. So wissen wir nun durch die Holzaltersbestimmung, wie alt welche Gebäudeteile sind. Das Vorderhaus an der Burgstraße wurde 1357 als zweigeschossiges Steinhaus errichtet. In der rechten Haushälfte war eine geräumige Durchfahrt in den Innenhof; unter der rechten Hälfte befindet sich ein Keller mit Bruchsteingewölbe. Das Erdgeschoss des hinteren Gebäudes ist wohl kurz nach der Fertigstellung der Stadtmauer nach 1310 an diese angebaut worden. 1393/95 kamen die oberen Geschosse und der heute noch erhaltene Dachstuhl dazu. Auch ein Verbindungsbau bestand wohl schon im Mittelalter, allerdings blieb davon nur die durchgehende Parzellenmauer im Westen erhalten. Der heute bestehende Zwischenbau ist neuzeitlich.

Geschichte über 8 Jahrhunderte

Die Schwesterngemeinschaft

Vom 14. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hatten die Gebäude eine besondere Nutzung: Hier lebte und arbeitete eine fromme Frauengemeinschaft, die Schwestern im „Haus zur Stiege“, wie das Anwesen zu jener Zeit nach dem Aufgang auf die Stadtmauer genannt wurde. Die besondere Lage direkt am Illertor und an der Hauptstraße durch die Stadt sowie die immense Größe der damaligen Räume und der Durchfahrt lassen vermuten, dass die Schwestern im Auftrag des Stadtherrn, des Fürstabtes von Kempten, hier Reisende und Pilger beherbergten. Solche Schwesterngemeinschaften gab es mehrere im spätmittelalterlichen Kempten. Zwischen zwei und zehn Frauen lebten in diesen Gruppen in frommem Gebet und Keuschheit, aber ohne Ordensregel, Klausur oder Ordensstracht wie in einem Kloster. Die Frauen behielten ihr Vermögen und hatten auch die Möglichkeit, die Gemeinschaft wieder zu verlassen. Der Unterhalt der Schwesterngruppen wurde auf verschiedene Weise gesichert: Manche Frauen lebten von Stiftungsgeldern oder Spenden und versahen dafür Gebetsdienste für die Stifter, andere kümmerten sich um Kranke oder übernahmen die Totenfürsorge, wieder andere lebten von Handwerkstätigkeiten, vor allem im Bereich der Textilherstellung und -verarbeitung. Kurz nach 1500 schlossen sich die Kemptener Schwestern zusammen und kauften Grundstücke am Neustädter Tor, später Waisentor genannt, um dort das St. Anna-Kloster zu errichten.

Reiche Patrizierfamilien bauen die Häuser aus

Die Gemeinschaft im Beginenhaus scheint schon einige Jahre oder sogar Jahrzehnte früher aufgelöst worden zu sein, denn damals kamen diese Häuser in den Besitz reicher Patrizierfamilien. Die neuen Besitzer statteten die großen und hohen Räume mit wertvollen Täfelungen aus, ließen die Wände mit bunten Rankenmustern bemalen und wohl auch reichverzierte Kachelöfen einbauen. Obwohl das Vorderhaus schon für die damalige Zeit sehr groß war, stockte man 1584 das Gebäude noch um ein weiteres Wohngeschoss auf und versah es mit einem neuen Dachstuhl. Auch das Hinterhaus wurde damals umgestaltet und bekam im zweiten Obergeschoss eine große Küche, einen aufwändig getäfelten und bemalten Sommersalon, sowie einen gut heizbaren Wohnraum mit großen Fenstern nach Süden. Das Gebäudeensemble gehörte damals der Familie Dorn, die mit Raimund Dorn einen Bürgermeister stellte und über Generationen bedeutende Ämter in der Reichsstadt Kempten bekleidete. Weitere bedeutende Patrizier- und Bürgerfamilien, die zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert, mit den Häusern in Verbindung stehen, sind die Seltman, König, Bonrieder und Kluftinger.
Glücklicherweise wurde in den Häusern im 19. und 20. Jahrhundert kaum etwas an der mittelalterlichen Grundkonstruktion und der wertvollen frühneuzeitlichen Ausstattung verändert, so dass dieses bedeutende Anwesen bis heute erhalten blieb.

Führungen und Ausstellungen

Die baulichen Besonderheiten in den Häusern können bei öffentlichen Führungen oder bei Sonderführungen auf Bestellung besichtigt werden. Viele Interessierte nutzten 2006 diese Gelegenheit, z.B. auch beim Tag des offenen Denkmals, der diesmal zweitägig stattfand. An dem Septemberwochenende wurde im Beginenhaus eine Quilt-Ausstellung zum Tagesthema „Historische Parks und Gärten“ sowie eine Bilderprojektion zu Parkanlagen in Kempten gezeigt. Den Innenhof hatte die Firma Blumen Herb mit 100 roten Rosen geschmückt, so dass die zahlreichen Besucher Kaffee und Kuchen in ganz besonderer Atmosphäre genießen konnten. Für den Tag des offenen Denkmals 2007 am 9. September, der unter dem Motto „Orte der Stille und des Gebets – Sakrale Räume“ steht, ist eine Ausstellung im Beginenhaus zu den „Mittelalterlichen Kirchen und Schwesternhäusern in Kempten“ geplant, außerdem finden ganztägig von 10-16 Uhr Führungen statt und im Hof gibt es wieder Kaffee und Kuchen.

Jubiläumsfeier

Schon am Freitag davor, am 7. September 2007 ab 19.00 Uhr, feiert der Förderverein mit einem Benefizabend ein ganz besonderes Jubiläum: 650 Beginenhaus! Im Jahre 1357 wurde das Vorderhaus als zweigeschossiges mächtiges Steinhaus am Eingang zur Altstadt errichtet. Dieses Jubiläum begehen wir mit einem Festabend im Müßiggengelzunfthaus am Sigmund-Ullmann-Platz. Zu Renaissancemusik, gespielt von Solvejg Fiederling und Gästen, wird eine Lesung von unterhaltsamen Geschichten aus einer Kemptener Chronik und ein Buffet geboten. Eintrittskarten sind in der Buchhandlung Lesezeichen am Rathausplatz erhältlich.

Informationen zum Beginenhaus und der Arbeit des Fördervereins

Bis zur Sanierung und Wiederbelebung des Beginenhaus-Ensembles ist es noch ein weiter Weg, auch wenn der junge Verein schon viele Erfolge verbuchen konnte. Große Beliebtheit haben z.B. unsere jährlich stattfindenden Bücherflohmärkte, für die wir gerne Bücherspenden annehmen.
Helfen Sie uns bei diesem Projekt durch Ihre Mitgliedschaft, Ihre Mitarbeit, Ihre Spende, Ihren Besuch oder indem Sie anderen von unserem Vorhaben erzählen.

Die Häuser brauchen Ihre Unterstützung!

Nähere Informationen zu unserem Verein, sowie aktuelle Termine und Bilder aus den Häusern finden Sie auf unserer Homepage www.beginenhaus-kempten.de.
Jeden zweiten Montag im Monat treffen wir uns zu einer Informationsrunde ab 19.00 Uhr in der Weinstube Hensler in der Vogtstraße in Kempten. Bitte beachten Sie auch die Tagespresse für weitere Veranstaltungstermine.

(Birgit Kata M. A.)

 

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24. Juli 2007
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